
Soroti so far
July 12, 2008Heute kann ich sogar etwas über die Arbeit erzählen. Auch wenn die Lust dazu fehlt, die alte Karamoja-Geschichte noch mal aufzuwärmen. Mach ich aber trotzdem, um den Bildungsauftrag zu erfüllen. Redundanz ist außerdem wichtig im Radionachrichten schreiben.
Wir haben zwei Gruppen. Beide sind wohl vor 800 bis 400 Jahren nach Nordostuganda eingewandert. Die einen fanden die Hügel und Halbwüsten auf der einen Seite der Berge interessant und lebten dort halbnomadisch, wie sie es gewohnt waren. Die anderen zogen mit ihren Rindern über die Hügel in die sumpfigen Ebenen dahinter und bauten dort als Zubrot ein wenig Gemüse und Getreide an. Man gab sich Namen. Die gaben den anderen einen Namen, der sich von „die alte Frau braucht Ruhe ableitet“ und dann zu Karamojong verkürzt wurde. Die Karamojong sahen ihre Brüder nicht zurückkehren aus dem Land jenseits der Hügel und nannten dieses Land Teso = Graveyards.
Heute haben wir zwei Völker, die sich misstrauen. Die einen sind weniger arm, haben aber Angst vor den Anderen. In den Augen der Anderen sind die Einen jedoch Verräter und Betrüger, denen man nicht vertrauen kann. Die Einen sind sesshaft geworden, während sich alles im Leben der Anderen um Kühe dreht. Die Anderen überfallen die Einen und stehlen ihr Vieh. Trotzdem sind die einen etwas wohlhabender, weil es bei ihnen öfters regnet.
So siehts aus.
Die Cattle Raids haben ein grossflächig unbesiedeltes Grenzgebiet zwischen den Teso Districten Amuria, Katakwi und Kumi auf der einen Seite und den Karamoja-Distrikten Obim, Moroto und Nakapiripirit hinterlassen. Das bietet den Viehdieben (wirkt im deutschen etwas zu harmlos für mit Maschinengewehren und Handgranaten bewaffnete Krieger) zusätzlichen Raum, in dem sie sich bewegen können.
Hier kommen der ded und die Partnerorganisationen auf beiden Seiten ins Spiel. Wir (!) versuchen, das Vertrauen zwischen beiden Gruppen zu fördern und auch die Gewalt innerhalb der Gruppen zu vermindern (auch Karamojong, die keine Waffen besitzen, werden Opfer anderer Clans). Dafür werden eine ganze Menge Methoden angewandt. z.B. Ein Dammprojekt, bei dem beide Völker gemeinsam arbeiten. Der Wasservorrat verringert auch die ökonomische Verwundbarkeit, die ebenfalls zu neuer Gewalt führt bzw. führen kann. CHIPS (Christian International Peace Service) Freiwillige bauen ihre Hütten im Niemandsland und bilden Siedlungskerne für Rückkehrwillige und Karamojong, die aus ihre Halbwüste fliehen. Größere Siedlungen sind besser zu verteidigen und Besiedlung erschwert gleichzeitig die Bewegung von Viehdieben.
Ausser diesem projekt wird sonst fast alles genutzt: Peace Training (auch für Armee-Einheiten), Feste, Musik, Kino, Womens Groups, Projekte zur Einkommensgenerierung und eben auch Medien.
Wir machen Radioshows, monatliche Newsletter, kurze Videodokumentationen usw.
Der Alltag ist: Kontakte pflegen, stundenlang über Pisten fahren und qualitätssichernde Büroarbeit. Aber dafür darf man in Soroti leben, und Soroti ist nicht so schlecht wie anfangs gedacht. Es werden doch nicht um 10h die Bürgersteige hochgeklappt. Man kann hier ganz gut ausgehen. Wird also nicht so langweilig. Auch wenn einige Bars am Freitagabend um 9h kein Bier haben und die meisten Bars einfache Räume mit Kühlschrank, Theke, Plastikstühlen auf der Straße und Pool-Table sind. Club Trend hat die Atmosphäre einer Großraumdisco irgendwo im tiefsten Oberschwaben (mit Spiegelwand!), macht aber trotzdem Spass.
Tagsüber ist es gemütlich. Kaum Autos (jeder kennt jeden und auch die Besitzer der Autos „hab sein Auto in der Market Street gesehen“), fast nur Räder. Die NGO-Gemeinde ist klein, obwohl Soroti ein großes Gebiet abdeckt. Es sind fünf Deutsche in der Stadt. Meine Chefin Edith, Old-School Entwicklungshelferin (Sozialpädagogik nehme ich an), ziemlich abgezockt, professional und trotzdem nett. Jan, bei dem ich erstmal untergekommen bin. Auf den ersten Blick macht er den Eindruck eines etwas schnöseligen KMW-Studenten mit Tennisclubmitgliedschaft (könnte auch stimmen). Aber er ist wirklich in Ordnung und bildet einen Kontrast zu den typischen Entwicklungshelfern. Er macht die Medienprojekte beim ded in Soroti. Dann gibt’s noch mich, einen anderen Typen, der etwas mit Sanitation und Wasser macht, und einen Dauerresidenten vom ASB.
Sehr familiär.
Es gibt ein Restaurant mit gutem westlichen Essen (Soroti Hotel), wo man meistens einige der anderen gut 30 Expats trifft. Man kennt sich beim Namen, wie gesagt.
Ich werde euch die Schönheit des staubigen Nests in den nächsten Beiträgen näher bringen.
Gruesse an die Bahai-Leute, die meinen Artikel vor einigen Monaten verlinkt haben (und übersetztJ). Ich finde euren Glauben äusserst interessant und wollte niemanden beleidigen. Und der Garten ist der entspannteste Platz in Kampala. Und entschuldigen möchte ich mich bei der engagierten Gemeinde in Uganda, dass ich es immer noch nicht zu einem Gottesdienst geschafft habe.
Zum Schluss ein wenig Thilo Thielke und Spiegel-online-Kritik (und mit ihm soll das ganze Easterly-Pack untergehen. Für diese Konsorten habe ich nicht mal ein „manche stimmt ja eigentlich, aber“ übrig. (Vielleicht doch, die Borehole-Kritik ist gut, aber der Rest Schwachsinn, wie der WFP-Kollege belegen möchte.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,565370,00.html
Und hier der Original-Thielke-Schwachsinn
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,551508,00.html